Geschichte / Archiv


Weg bis zur Eröffnung 2010


1930Autobahnkirchen gibt es in Deutschland seit etwa 70 Jahren (in Adelsried röm.-kathol. 1958; in Exter evang. 1959). Träger sind evangelische und katholische Gemeinden, Rasthöfe oder Vereine, die sich dazu gegründet haben. Die meisten der ca. 50 Kirchen sind vertreten in der Konferenz der Autobahnkirchen, um Erfahrungen auszutauschen, gemeinsame Interessen zu benennen und um sich in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Die Konferenz hat auch acht Kriterien für Autobahnkirchen festgelegt, dazu gehören Öffnungszeiten, Entfernung von der Autobahn, Parkplatz und sanitäre Anlagen, u.a. (mehr zu lesen www.autobahnkirche.de)

Die Idee, die Epiphanias-Kirche an der A 40 als Autobahnkirche zu eröffnen, ergab sich in der Vorbereitung des europäischen Kulturhauptstadtjahres 2010. Der damaligen Leiter des Evangelischen Kulturbüro RUHR 2010 in Essen Pfarrer Andreas Volke brachte diesen Vorschlag ein, der von dem damaligen Pfarrer Karl-Heinz Gehrt und der Gemeinde dankbar und schwungvoll aufgenommen wurde.

2009 gründete sich der Trägerverein der Autobahnkirche RUHR e.V., der das Vorhaben finanziell und ehrenamtliche Mitarbeit unterstützte. Stundenweise sind Mitarbeiter*innen im Kirchraum präsent, um bei Bedarf auf Fragen der Besucher*innen einzugehen. Texte und Bilder liegen seit dem aus als Hilfe für ein stilles Gebet oder Meditation. Flyer und eine Internetseite für die Autobahnkirche RUHR wurden erarbeitet. Insbesondere die zusätzliche Beschilderung der Kirche an der A 40 und an der Ausfahrt war ein längerer und teilweise schwieriger Prozess. Mit Geduld, Beharrlichkeit und Unterstützung der Konferenz gelang es endlich, Hinweisschilder aus beiden Richtungen einige Kilometer zuvor, an der Ausfahrt und an den Zugangsstraßen aufstellen zu lassen.

Die Stadt Bochum beauftragte ein Ingenieurbüro und unterstützte mit Fördermitteln im Kulturhauptstadtjahr eine Lichtinstallation an der Autobahnkirche. Seitdem wird die Backsteinkirche mit dem Kreuz auf dem Turm am Abend und früh morgens angestrahlt und die Fenster im Eingangsbereich und im Turm sind von innen erleuchtet. Sicher ein leuchtend erkennbares Zeichen für die vielen, die vorbeifahren; vielleicht noch mehr, ein Hinweis auf Epiphanias: das Licht, das in Jesus Christus in der Welt erschienen ist!

EröffnungAm 30. Mai 2010 wurde die Autobahnkirche RUHR feierlich mit einem Gottesdienst eröffnet. Anschließend schnitten Bundestagspräsident Norbert Lammert, Verkehrsminister des Landes NRW Lutz Lienenkämper , Oberbürgermeisterin der Stadt Bochum Ottilie Scholz, Fritz Pleitgen Vorsitzender der Geschäftsführung Ruhr 2010 symbolisch ein Band durch. Die evangelische und katholische Kirche der Stadt (stellvertretende Superintendentin Heike Lengenfeld Brown, Stadtdechant Dietmar Schmidt) waren vertreten, wie auch die SELK durch Bischof Hans-Jörg Voigt D.D..

Fast noch ein strahlenderes, jedenfalls ein sonniges Highlight wurde der Sonntag 18. Juli 2010 mit dem Stillleben auf der A 40. Die Idee der Initiatoren im Kulturhauptstadtjahr: die Autobahn ist für den motorisierten Verkehr gesperrt. Eine ca. 60 km lange Tafel auf der einen Fahrbahn für Fußgänger von Dortmund bis Duisburg. In der Gegenrichtung können sich Fahrräder, Roller, Skateboards fortbewegen. Personen oder Vereinen mieten sich Tische an der Tafel und bieten dort Kulturelles wie Musik, Theater, Unterhaltung und Information an. Dazu Kaffee und Kuchen, Verweilen und Erzählen. Bei strahlend blauem Himmel wurde der Tag ein grandioser Erfolg. Man schätzte über eine Million Besucher*innen beim Mega-Straßenfest, so dass der Zugang für die Fußgänger zeitweise geschlossen werden musste.

In der Autobahnkirche RUHR fand um 11 h eine Gottesdienst mit Bläsermusik statt. Motto: "Möge die Straße uns zusammenführen". Dabei wirkten Bläserinnen und Bläser aus dem Kirchenkreis Bochum mit. Schnell war das Kirchgelände, auch Straßen und Bürgersteige drum herum zugeparkt oder mit Fahrrädern zugestellt. Fünf Tische auf der Autobahn im Bereich der Freudenbergstraße hatte die Gemeinde gemietet. Spielangebote für Kinder, Bilder und Info-Schriften zur Autobahnkirche, 'ne Tasse Kaffee und Erzählen mit den Leuten, die vorbeikamen... Das alles in einer sehr gelösten und fröhlichen Stimmung. Vielleicht sind die eindrucksvollsten Bilder des Tages vom Kirchturm aus entstanden. Oder war es die Aufnahme von der Brücke an der Dorstener Straße? Um fünf Uhr waren die Tische und Bänke wieder leer und fast aller Müll mitgenommen.


Blick in die Geschichte

Mit der Eröffnung der Kirche als Autobahnkirche RUHR schärfte sich der Blick für die Geschichte des Kirchgebäudes und der Straße, an der sie liegt.

1959 Luftaufnahme 500pxAls die Kirche 1929 nach Plänen des Architekten Walter Tiefenbach gebaut und am 2. Februar 1930 eingeweiht wurde, lag sie an der Hindenburgallee (heute Dinnendahlstraße) und als repräsentatives Gebäude am Hindenburgplatz (heute Bodelschwinghplatz). Beide wurden von der Reichsstraße R1 gekreuzt, damals nur eine zweispurige Straße mit Kopfsteinpflaster, doch verband sie Aachen und Königsberg über rund 1000 km quer durch das Deutsche Reich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden neue Grenzen gezogen. Kaliningrad lag dann im russischen Teil Ostpreußens. Die deutsch-deutsche Grenze zwischen DDR und BRD fiel erst 1990. Im westdeutschen Teil hieß die Straße Bundesstraße 1 oder B1.

In den sechziger Jahren wurde die B1 im Ruhrgebiet vierspurig als Autobahn ausgebaut. Zu der Zeit wurde die Eisenbahn als hauptsächlich genutztes Verkehrsmittel abgelöst. Das Auto für jeden und jede wurde zum Symbol des Wirtschaftswunders. Dem versuchte man mit dem Ausbau der Straßen Rechnung zu tragen. Allerdings wurden die Vorausberechnungen von dem tatsächlichen Anstieg des Individualverkehrs und auch des Güterverkehrs schon in wenigen Jahren weit übertroffen. Die Bilder zeigen, wie das Gelände um die Kirche durch den Ausbau der Bundesstraße und die Unterführung der A 40 unter die Dorstener Straße am Bodelschwinghplatz eingeschränkt wurde. Weit über 100.000 Fahrzeuge fahren allein auf der A 40 täglich an der Autobahnkirche RUHR vorbei. Hinzu kommen die Autos auf der vierspurigen Bundesstraße 226, die Bochum und Herne als nächste Städte verbindet. Für die von den häufigen Staus Gestressten gilt die A 40 als "der längste Parkplatz der Welt". Pläne die A 40 sechsspurig auszubauen, wurden zum Teil umgesetzt, etwa zwischen Bochum und Essen oder in Richtung Dortmund. Im Bereich der Dorstener Straße und anderer Brücken, wäre dies aus verschiedenen Gründen kaum zu verwirklichen. Sonst würden die Brummis wohl unter dem Glockenturm der Epiphanias-Kirche hindurch fahren. Jedem kann hier deutlich werden, dass die heutige Art des individuellen Massenverkehrs an Grenzen stößt.
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Wer sich die Bilder anschaut, wird einen Eindruck bekommen von der rasanten Entwicklung des Verkehrs, wo sich immer mehr Menschen immer schneller fortbewegen. Mit der zunehmenden individuellen Mobilität haben sich die Städte und das Zusammenleben der Menschen in ihrem Umfeld rasend schnell verändert. Besonders durch den Bau der Autobahnen wurden Stadtteile getrennt und Nachbarschaften abgeschnitten. Dies ist an der Autobahnkirche RUHR, dicht neben der A 40, wie in einem Brennglas zu sehen, wenn man mit Hilfe der Bilder in die spannende Geschichte zurückblickt.